Blick Zum Horizont


Was die Piraha am Amazonas mit interner Unternehmenskommunikation zu tun haben

05.10.2013 von Sabine Breit

Die Pirahã sind ein Stamm mit einer einzigartigen Sprache, die weder Zahlwörter noch das Futur oder die Vergangenheitsform kennt. Dies ist eine linguistische Sensation, die einmal mehr belegt, wie eng Sprache, Kultur und Lebensweise miteinander verbunden sind und sich gegenseitig prägen. Denn in Ermangelung eines Futurs und einer Vergangenheitsform leben die Pirahã tatsächlich ausschließlich in der Gegenwart und kennen weder Zukunftsängste noch Ärger über Vergangenes. Und da sie ausschließlich in der Gegenwart leben, brauchen sie auch kein Futur und keine Vergangenheitsform. Dies ist sozusagen eine sich selbst verstärkende Wechselbeziehung.

Stämme gibt es aber nicht nur am Amazonas oder in anderen exotischen Gegenden unseres Globus, sondern praktisch in jedem Unternehmen. Es gibt den Juristen-Stamm, den Personaler-Stamm, den Marketing-Stamm, den IT-Stamm, den Vorstands-Stamm und viele andere Stämme, die zusammen die „Gesamtpopulation“ eines Unternehmens bilden. All diese Stämme haben ihre ganz eigenen Stammessprachen oder „Silo-Sprachen“, wie ich sie auch nenne. Sprachen, die unter anderem geprägt sind von dem beruflichen Umfeld, in dem sich ein Mitarbeiter bewegt, und dieses wiederum prägen.

Stammes- oder Silosprachen sind grundsätzlich etwas überaus Wunderbares, erleichtern und beschleunigen sie die Kommunikation innerhalb des Stammes doch ganz erheblich. Häufig genügen kurze Andeutungen, um sich zu verstehen. Außerdem sind sie ein Zeichen von Vielfalt im Unternehmen.

Wenn es allerdings darum geht, dass alle Stämme zu großen oder kleinen Powwows zusammenkommen, um Entscheidungen für die Gesamtpopulation zu treffen und dann auch umzusetzen, sind Stammessprachen häufig kontraproduktiv. Sie führen zu Missverständnissen, Wiederholungen, häufigen Korrekturen und anderen Kommunikationsbarrieren, die nicht nur wertvolle Zeit kosten, sondern auch nicht unerhebliche Risiken nach sich ziehen können.

Dabei besteht die Kommunikationsbarriere häufig aus weit mehr als aus unterschiedlichen Fachbegriffen. So lebt der eine Stamm vielleicht vornehmlich im Futur, während andere Stämme die Vergangenheitsform oder das Präsenz bevorzugen. Der Tempus, in dem sich ein Stamm vorzugsweise sprachlich bewegt, kann ebenso viel über die dort herrschenden Vorstellungen, Wahrnehmungen sowie die dort wirkende Dynamik aussagen, wie die Metaphern oder die Modi, die bevorzugt verwendet werden. All diese und andere Faktoren prägen wiederum das Denken und Handeln.

Wenn Powwows und die sich daraus ergebenden Maßnahmen und Vorhaben tatsächlich gelingen sollen, bedarf es einer ausreichend großen Kommunikationsschnittmenge. Das bedeutet, es sind Bedingungen herzustellen, die einen wirksamen Dialog ermöglichen, bei dem alle Stämme gehört werden, einander verstehen und so in die Lange versetzt werden, gemeinsam zur bestmöglichen Lösung für die Gesamtpopulation zu gelangen.

Wie diese Kommunikationsschnittmenge beschaffen sein muss, ist von Unternehmen zu Unternehmen und von Aufgabe zu Aufgabe unterschiedlich. Zuweilen reicht es tatsächlich, sich im Vorfeld auf eine gemeinsame Definition einiger Begrifflichkeiten zu einigen. In anderen Fällen müssen die Stammessprachen erst einmal auf Tempi, Modi, Metaphern und andere Charakteristika hin analysiert werden, um zu sehen, in welchen Wahrnehmungswelten die Stämme unterwegs sind und wie diese den anderen Stämmen vermittelt werden können. So kann beispielsweise der Begriff „Risiko“ in Zusammenhang mit einem Vorhaben in unterschiedlichen Stämmen völlig verschiedene Bilder im Kopf auslösen und damit zu unterschiedlichen Verhaltensweisen führen: Während der eine Stamm es nicht abwarten kann, sich ungeachtet aller Gefahren sofort auf die ungewisse Jagd nach dem goldenen Kalb zu begeben, zieht es der andere Stamm vor, vorsichtshalber alle Hütten zu verbarrikadieren, falls sich herausstellt, dass die Beute weder golden noch ein Kalb, sondern eine überaus bösartige Chimäre ist. Wieder andere sitzen vor der Hütte und warten, bis das goldene Kalb in angemessener Geschwindigkeit vorbeigelaufen kommt. In der Kommunikationsschnittmenge gilt es, diese Wahrnehmungswelten so zu vereinen, dass daraus ein stimmiges Bild für die Gesamtpopulation wird. In diesem Fall ein für das Unternehmen passender Umgang mit Risiken.

Zuweilen ist auch darauf zu achten, ob es Kolonialisierungstendenzen des einen oder anderen Stammes gibt oder ob diese sogar erwünscht sind. Kolonialisierung per Sprache kann sich erheblich auf das Vorhaben bzw. die Prägung der Gesamtpopulation auswirken. Kommt es für das Gelingen eines Vorhabens oder die Zukunftsfähigkeit des Gesamtunternehmen auf Vielstimmigkeit an, kann alles aus dem Gleichgewicht geraten oder sogar zum Scheitern gebracht werden, wenn Sprache, Tonart, Metaphern, Tempi, Modi oder andere sprachliche Eigenheiten eines Stammes dominieren. Ganz anders sieht es aus, wenn es für das Gelingen eines Vorhabens oder die Zukunft des Unternehmens essenziell ist, dass sich ein Stamm durchsetzt oder die Linie vorgibt.

In Unternehmen, in denen neben den Stammessprachen auch noch eine oder mehrere Fremdsprachen gesprochen werden, ist die Frage der Kolonialisierung von besonderer Bedeutung. Denn wie bei den Pirahã, die seit geraumer Zeit Portugiesisch lernen sollen, kann die Dominanz einer Sprache erhebliche Auswirkungen auf die Kultur und die weitere Prägung einer Teilpopulation oder eines Stammes beziehungsweise auf das Gefüge der Gesamtpopulation haben. Oder wie ich gerne sage: „Words shape brains – Sprache prägt Denken“.

Herzlichen Dank für Ihre Zeit und Ihr Interesse!

Sabine Breit


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